Liebe Bundesbrüder, verehrte Gäste, liebe Freunde unseres Hauses,
ich verspreche euch gleich zu Beginn: heute Abend werde ich mich kurzfassen. Zum einen der
fortgeschrittenen Zeit wegen, zum anderen hat uns die Hitze der letzten Woche mit dem Höhepunkt
ausgerechnet am heutigen Tage bereits einiges abverlangt, wodurch ich euch nicht zusätzlich mit
einer langen Seniorrede quälen möchte.
Dennoch möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Gedanken mit Ihnen zu teilen. Zunächst einmal
ist es für mich eine große Ehre, heute vor so vielen Bundes-, Kartell- und Farbenbrüdern und
schwestern sprechen zu dürfen. Viele von euch kenne ich inzwischen persönlich, manche vielleicht
nur vom Hörensagen, und andere wiederum kennen mich wahrscheinlich überhaupt nicht.
Wer mich allerdings kennt, wird mich vermutlich mit einer Eigenschaft verbinden: Ich laufe meistens
mit einem Lächeln durchs Leben. Nicht, weil bei mir immer alles perfekt läuft. Ganz im Gegenteil. Auch
ich habe Tage, an denen Dinge nicht funktionieren, an denen Stress, Frust oder Zweifel überwiegen.
Und genau deshalb soll dieses Lächeln heute das Thema meiner Rede sein.
Denn ich glaube, dass eine positive Ausstrahlung ansteckend ist.
Jeder von uns kennt Situationen, in denen uns jemand freundlich begegnet, obwohl wir diese Person
gar nicht kennen. Ein kurzes Lächeln, ein ehrliches „Hallo“ oder ein paar nette Worte. Es kostet fast
nichts, und trotzdem kann es den ganzen Tag verändern beziehungsweise gar versüßen. Genauso kennen wir
aber auch das Gegenteil. Wer mit schlechter Laune durch den Tag geht, steckt oft ungewollt andere
damit an. Aus einem genervten Blick werden zwei, aus schlechter Stimmung wird schnell eine negative
Spirale.
Natürlich gelingt es niemandem, immer gut gelaunt zu sein. Das wäre auch unehrlich. Aber ich habe
die Erfahrung gemacht, dass ein bewusst freundliches Auftreten häufig etwas zurückgibt. Aus einem
kleinen Lächeln entsteht oft ein weiteres. Aus einer positiven Begegnung entsteht die nächste. So
entwickelt sich eine Aufwärtsspirale, von der am Ende alle profitieren und vor allem ihr selbst.
Dabei sollten wir diese Freundlichkeit nicht nur den Menschen schenken, die wir ohnehin kennen.
In diesem Zusammenhang ist mir ein Grußwort unseres lieben Bundesbruders Kurt Bohner von
unserer Ankneipe in diesem Semester besonders in Erinnerung geblieben, über dessen Anwesenheit
ich mich heute Abend sehr freue. Er erzählte von einer jungen Frau in der U-Bahn, die während der
gesamten Fahrt ausschließlich auf ihr Smartphone blickte und ihre Umgebung kaum wahrnahm. Sie
war dankbar, als er sie darauf hingewiesen hat, dass um sie herum so viel mehr geboten ist, als in
ihrem Handy. Wahrscheinlich kennen wir dieses Bild alle.
Natürlich sitzen in der Bahn überwiegend fremde Menschen. Aber ist es nicht gerade deshalb etwas
Besonderes, wenn einen plötzlich jemand anlächelt oder freundlich grüßt? Ist das nicht genau einer
dieser kleinen Momente, die einem den Tag ein wenig schöner machen können?
Warum schenken wir anderen dieses Gefühl also nicht viel häufiger?
Vielleicht sollten wir den Blick einfach wieder öfter vom Bildschirm heben und den Menschen
gegenüber wahrnehmen. Wieder mehr den direkten Austausch suchen, statt Nachrichten zu
schreiben, obwohl wir gemeinsam am selben Tisch sitzen. Denn kein Emoji ersetzt ein echtes
Lächeln, und keine Nachricht ersetzt ein persönliches Gespräch.
Für mich persönlich hätte ein einfaches Lächeln in der Bahn einen entscheidenden Vorteil gehabt. Der
Weg zu meiner besseren Hälfte wäre vermutlich deutlich kürzer gewesen und hätte nicht erst den
gerade beschriebenen Umweg über Handy und Social Media nehmen müssen. Aber das ist eine
Geschichte für einen anderen Abend.
Ich wünsche mir, dass wir als Verein genau das nach außen tragen, was uns hier im Haus so
selbstverständlich erscheint, nämlich Offenheit, Herzlichkeit und den direkten Austausch miteinander. Nicht
nur heute Abend, nicht nur unter Bundesbrüdern und Freunden, sondern überall dort, wo wir
Menschen begegnen.
Denn vielleicht beginnt eine bessere Gemeinschaft gar nicht mit den großen Gesten, sondern mit den
kleinen Dingen, einem Lächeln, einem freundlichen Gruß oder einem offenen Gespräch.
Wenn jeder von uns heute Abend nur einem Menschen ein Lächeln schenkt, dann haben wir vielleicht
schon ein kleines bisschen dazu beigetragen, die Welt außerhalb dieser Mauern genauso freundlich
zu machen, wie wir sie uns hier im Haus wünschen.
In diesem Sinne möchte ich mich herzlich für eure Aufmerksamkeit bedanken und meine Rede mit
den Worten:
Vivat, crescat, floreat Rheno-Nicaria ad multos annos!
schließen.
Seniorrede zur Abkneipe des Sommersemester 2025
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